Tibet-Encyclopaedia

 

Adam Khan (Herrscher von Baltistan bzw. Klein-Tibet)

Adam Khan war der erste Herrscher Baltistans, der von einem Moghul-Kaiser mit der Regentschaft über das ganze Land betraut worden war. Er war der zweitälteste Sohn des bedeutendsten Herrschers von Baltistan Ali Sher Khan und regierte nach der Absetzung seines Bruders Abdal Khan von 1636/37 bis in die fünfziger Jahre des 17. Jahrhunderts als Mitglied der Makpon-Herrscherfamilie. Als Terminus ante quem für seinen Tod ist das letzte Jahr der Regierung des Kaisers Shah Jahan (1658) zu nennen. Adam Khan regierte als Garant der Loyalität Baltistans gegenüber dem Moghul-Kaiserhof von Kaschmir aus und lebte dort auf einem Landgut (Jagir), das ihm der Moghul-Kaiser für seine Dienste übertragen hatte. Adam Khan musste die Verwaltung von Skardu einem örtlichen Stellvertreter namens Mirza Khan überlassen, dem auch die Region von Kartaksho unterstellt war. Mirza Khan rebellierte aber nach zehn Jahren gegen seinen Oberherrn und die Moghul-Vorherrschaft. So rückte Adam Khan 1650/51 an der Spitze einer kaiserlichen Armee in Baltistan ein und setzte seinen Statthalter ab. Adam Khans Neffe Muhammad Murad alias Murad Khan übernahm die Position des abgesetzten Mirza Khan. Murad Khan wurde vom Kaiser Shah Jahan nach Adam Khans Tod als dessen Nachfolger eingesetzt.

Inhaltsverzeichnis

1. Beteiligung an der Entmachtung von Abdal Khan
2. Übertragung der Regentschaft über Baltistan durch den Kaiser Shah Jahan
3. Die politische Struktur von Baltistan nach der Absetzung Abdal Khans
4. Rivalität von Murad Khan
5. Krieg gegen den ladakhischen König Sengge Namgyel
6. Kriegszug gegen den rebellischen Statthalter Mirza Khan und die Einsetzung Murad Khans als Statthalter in Skardu
7. Literatur

1. Beteiligung an der Entmachtung von Abdal Khan

Nach der kurzen Regierungszeit von Ahmad Khan, dem ältesten Sohn und Nachfolger Ali Sher Khans in Skardu, riss der drittälteste Sohn Abdal Khan gegen den Willen seines älteren Bruders Adam Khan die Macht über das Skardu Tal an sich. Als dann 1636 eine Armee von über 10.000 Soldaten des Kaisers Shah Jahan (1627-1658) unter dem Gouverneur von Kaschmir Zafar Khan Baltistan eroberte, gehörte Adam Khan zu den Adligen Baltistans, die Zafar Khan und seine Truppen im Kampf gegen Abdal Khan unterstützten und somit aktiv an der Entmachtung seines Bruders mitwirkten. Adam Khan nahm aktiv auf der Seite der kaiserlichen Truppen an der kriegsentscheidenden Schlacht am Satpara-See, beteiligte sich an der Abriegelung der beiden Festungen von jedwedem Nachschub und verhandelte im Auftrag von Zafar Khan erfolgreich mit Muhammad Murad über die kampflose Übergabe der Festung Kahchana.

Mit dem hastigen Rückzug Zafar Khans aus Baltistan – der Gouverneur fürchtete angesichts der fortgeschrittenen Jahreszeit, dass seine Armee eventuell die hohen Pässe nach Kashmir nicht mehr passieren und möglicherweise den ganzen Winter in Baltistan eingeschlossen werden könnte – wurde aber Adam Khan bei der Nachfolge von Abdal Khan übergegangen und die Regentschaft über Baltistan wurde Muhammad Murad alias Murad Khan, einem Enkelsohn von Ali Sher Khan und Sohn von Ahmad Khan, übertragen (´Abdu-l Hamíd Láhorí, S. 62f).

2. Übertragung der Regentschaft über Baltistan durch den Kaiser Shah Jahan

 

  

Abbildung 1: Der Moghul-Kaiser Shah Jahan

 Diese Entscheidung des Gouverneurs von Kashmir sollte aber nicht lange Bestand haben. Einerseits rebellierten die Vertreter der Herrscherhäuser von Shigar und Kiris gegen die Regentschaft von Murad Khan, der aus Shigar vertrieben wurde und nach Rondu fliehen musste. Andererseits war es aber der Kaiser Shah Jahan selbst, der mit der Regelung der Herrschaftsverhältnisse in Baltistan durch Zafar Khan unzufrieden war und der letztendlich 1636/37 Adam Khan mit der Regentschaft über Baltistan betraute.

Da eine der kaiserlichen Auflagen eine Residenzpflicht in Kaschmir war, musste Adam Khan die Verwaltung Skardus einer ihm vertrauten Person als Statthalter übertragen. Die Wahl fiel auf Mirza Khan, dem damaligen Herrscher von Kartaksho.

3. Die politische Struktur von Baltistan nach der Absetzung Abdal Khans

Inzwischen hatten sich die Vertreter der alten Herrscherhäuser der übrigen wichtigen Teilgebiete von Baltistan wieder in ihren Herrschaftsgebieten etabliert. Imam Quli Khan aus der Amacha-Herrscherfamilie übernahm wieder die Macht seiner Vorväter in Shigar und Khaplu wurde zunächst von Hussain Khan und nach dessen Tod von dessen Bruder Rahim Khan, beide Angehörige der Yabgo-Herrscherfamilie, regiert. Kiris unterstand Amir Khan, der gleichzeitig als Wesir für Imam Quli Khan von Shigar tätig war.

Es ist nicht ganz klar, welche Funktion Adam Khan in diesem Beziehungsgeflecht der Machtausübung eigentlich zukam. Offenbar war er als Vertreter von ganz Baltistan einschließlich Purik der Garant für die Ablieferung der Steuern an den kaiserlichen Hof und er hatte dafür Sorge zu tragen, dass an der Nord-Ost-Grenze Kaschmirs Ruhe herrschte. Zudem war Adam Khan direkt die wichtige Region Skardu übertragen worden, auch wenn er diese wegen seiner Abwesenheit in Kaschmir von einem Statthalter regieren ließ. Im Hinblick auf die Herrscher der einzelnen Teilgebiete von Baltistan ist mindestens von Shigar belegt, dass sein Herrscher Imam Quli Khan direkte Beziehungen zum Gouverneur von Kaschmir als auch zum Moghul-Kaiserhof unterhielt.

Abbildung 2: Die nach Abdal Khans Absetzung wieder erstarkten Teilgebiete Khaplu, Kiris, Shigar und Kartaksho (Kharmang) mit Skardu. Die Karte wurde vom Aga Khan Cultural Service-Pakistan erstellt.

 4. Rivalität von Murad Khan

Es ist nicht feststellbar, ob der militärische Widerstand in Baltistan gegen Murad Khan vor oder nach seiner Absetzung durch den Kaiser Shah Jahan losbrach. Jedenfalls floh Murad Khan zunächst nach Rondu. Von hier aus reiste er nach Kashmir weiter und begab sich zum Kaiserhof. Nach dem Shigar Nāma hegte der Kaiser Shah Jahan nach der Anreise von Murad Khan die Absicht, die Macht in Baltistan an diesen jungen Mann zu übertragen. Die Berater des Kaisers bewirkten allerdings, dass der Kaiser anordnete, Murad Khan mit der Tochter seines Onkels Adam Khan zu verheiraten. Nach dieser Eheschließung verblieb Adam Khan in seiner Position und Murad Khan gab sich mit seiner Stellung als Schwiegersohn des Regenten von Baltistan zufrieden (Behrouz, S. 86f).

5. Krieg gegen den ladakhischen König Sengge Namgyel

1638/39 unternahm der König von Ladakh Sengge Namgyel (Seng-ge rnam-rgyal) den Versuch, das durch Ali Sher Khan verloren gegangene Territorium von Purik für das Königreich Ladakh zurückzuerobern. Adam Khan, für den natürlich Purik zu seinem Machtbereich gehörte, informierte hierauf den neuen Gouverneur von Kashmir Ali Mardan Khan über den Angriff Sengge Namgyels. Kurz darauf, am 16. Juni 1639, brach Hussain Beg, ein Verwandter des Gouverneurs, von Kaschmir aus mit einer Truppe aus Reitern, Infantristen und Bogenschützen der Garnison von Kaschmir und der lokalen Herrscher dieses Landes zum Kriegszug gegen Sengge Namgyel auf. Die Soldaten überschritten den Pass Soji La und drangen in Purik ein, wo Adam Khan mit einer Truppe von Kriegern aus Baltistan zu ihnen stieß. Die vereinigten Truppen aus Kaschmir und Baltistan rückten bis Kharbu (mKhar-bu) vor, wo es zur Schlacht mit den Truppen von Sengge Namgyel kam. Die Armee des ladakhischen Königs wurde geschlagen und Sengge Namgyel musste Zuflucht in der Burg von Kharbu nehmen. Sengge Namgyel erkannte sofort, in welcher Gefahr er sich nun befand. Er schickte Boten zu Hussain Beg, die anboten, dass er umgehend in sein Land zurückkehren werde und zukünftig Tributzahlungen an den Kaiserhof leisten werde, wenn man ihm persönliche Sicherheit für seine Rückkehr garantieren würde. Hussain Beg stimmte dem zu und kehrte anschließend nach Kaschmir zurück, wo er am 20. September eintraf (Petech, S. 50; ´Abdu-l Hamíd Láhorí, S. 67). Es ist aber anzumerken, dass das Geschichtswerk La-dvags rgyal-rabs den Ausgang dieses Invasion völlig anders schildert. Hiernach hat Adam Khan Truppen des Kaisers Shah Jahan angefordert. Es kam in Kharbu zu zahlreichen Kämpfen, in denen viele Soldaten des Moghul-Kaisers (hor-dmag) getötet wurden und aus denen die ladakhischen Truppen siegreich hervorgingen (Francke, S. 40). Eine andere Version dieses Krieges überliefert uns der Franzose Francois Bernier, der 1663 den Kaiser Aurangzeb nach Kashmir begleitete und von diesem Krieg vom Hörensagen erfuhr. Hiernach eroberten die kaiserlichen Truppen zunächst die Burg von Kharbu. Danach zogen sie sich wegen des herannahenden Winters wieder nach Kaschmir zurück und hinterießen in der Burg eine Garnision, die aber aus unerfindlichen Gründen später die Festung verliess. Eigentlich schweigen sich auch die Moghul-Quellen darüber aus, was mit der Burg von Kharbu nach diesem Einmarsch passierte. Möglicherweise ist der zwischen 1650/51 und 1658 von Murad Khan unternommene Versuch, Kharbu zu erobern, als Hinweis dafür zu werten, dass die Burg von Kharbu auch nach 1639 weiterhin von Truppen aus Ladakh besetzt wurde.

   

Abbildung 3:Westteil von Purik nach Francke, S. 148

 

Abbildung 4: Teile von Purik und Unterladakh mit Kharbu (Mhhar-bu, rot unterstrichen) nach Francke, S. 148

 6. Kriegszug gegen den rebellischen Statthalter Mirza Khan und die Einsetzung Murad Khans als Statthalter in Skardu

Um das Jahr 1650 musste Adam Khan feststellen, dass sein in Skardu regierender Statthalter Mirza Khan seinen Anordnungen nicht mehr folgte. Das Shigar Nāma berichtet, dass Mirza Khan insbesondere die Verbindungswege zwischen Baltistan und Kaschmir unterbrach und einen Berater, den Adam Khan zu ihm geschickt hatte, getötet hatte (Behrouz, S. 85). Auf kaiserlichen Befehl hin rückte daraufhin im Jahre 1650/51 erneut eine Armee aus Kaschmir gegen Baltistan vor. Unter den Truppen befanden sich Adam Khan und sein Neffe und Schwiegersohn Muhammad Murad (Behrouz, S. 88ff, Ináyat Khán, S. 98). In Baltistan angekommen traf Adam Khan mit Imam Quli Khan, dem Herrscher von Shigar, zusammen, der mit seinen Truppen zur Unterstützung von Adam Khan von Shigar aus in Skardu einmarschiert war. Imam Quli Khan erhielt von Adam Khan die Erlaubnis, mit Mirza Khan Vermittlungsgespräche zu führen. Im Ergebnis gab Mirza Khan die Festung Kharphocho kampflos auf. Ihm wurde gestattet, sich unter Mitführung seines Besitzes an Gold und Silber nach Shigar zu begeben. Von hier aus kehrte er offenbar nach Kartaksho zurück, von wo er nach der Invasion von Murad Khan nach Ladakh ins Exil gegen mußte. Danach fand er für kurze Zeit Zuflucht in Khaplu. Nach der Eroberung von Khaplu durch Murad Khan wurde er nach Indien deportiert, wo man ihn einkerkerte.

Um der danach folgenden Übergabe der Verwaltung von Skardu an Muhammad Murad einen offiziellen Anstrich zu geben, überreichte Imam Quli Khan die Verfügungsgewalt über die Festung Kharphocho symbolisch an die mitgereisten Vertreter des Moghul-Kaisers Alim Baik und Muhammad Shafi. Diese übertrugen anschließend die Schlüsselgewalt über die Festung an Adam Khan, der daraufhin Muhammad Murad bzw. Murad Khan als seinen Statthalter einsetzte. Nach dem Shigar Nāma kehrte Adam Khan anschließend nach Kaschmir zurück. Er wurde für seine Verdienste von Kaiser Shah Jahan ausgezeichnet (Behrouz, S. 98ff).

Während Adam Khan die letzten Jahre seines Lebens in Kaschmir verbrachte, begann nun Murad Khan mit Unterstützung von Imam Quli Khan und mit Billigung von Adam Khan mehrere Kriege gegen seine Nachbarn, in deren Verlauf er nicht nur Kartaksho und Khaplu eroberte, sondern auch bis Gilgit vordrang. Nach dem Tod Adam Khans reiste er an den Hof des Kaisers Shah Jahan, der ihn als Nachfolger Adam Khans bestätigte. Somit ist 1658, das letzte Jahr der Regierungszeit des Kaisers Shah Jahan, ein Terminus ante quem für das Todesjahr von Adam Khan.

7. Literatur

Banat Gul Afridi: Baltistan in History. Peshawar 1988
Koshrow Behrouz: Shigar- Nāma. Eine persische Verschronik über die Geschichte Baltistans. Kritische Textausgabe, Kommentar und Übersetzung. Unveröffentlichtes Manuskript aus den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts
Francis Bernier: Travels in the Mogul Empire. Translated from the French by Irving Brook. Vol. II, London 1826
A. H. Francke: Antiquities of Indian Tibet. Part (Volume) II. The Chronicles of Ladakh and Minor Chronicles. Texts and Translations, with Notes and Maps. (Reprint) New Delhi 1972
Hashmatullah Khan: History of Baltistan. Lok Virsa Translation, Islamabad 1987. Das Original in Urdu wurde 1939 veröffentlicht
Ináyat Khán: Sháh Jahán-náma. In: The History of India as Told by its Own Historians. The Muhammadan Period. The Posthumous Papers of the Late Sir H. H. Elliot. Edited and Continued by Professor John Dowson. Vol. VII. First Indian Edition. Allahabad 1964, S. 73-122.
´Abdu-l Hamíd Láhorí: Bádsháh-náma. In: The History of India as Told by its Own Historians. The Muhammadan Period. The Posthumous Papers of the Late Sir H. H. Elliot. Edited and Continued by Professor John Dowson. Vol. VII. First Indian Edition. Allahabad 1964, S. 3-72
Luciano Petech: The Kingdom of Ladakh. C. 950-1842 A. D. Roma 1977

Autor: Dieter Schuh, 2010

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